Lothars wahre Lügengeschichten

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Sonnenstrahl der Zeit - Sunbeam of Time


Diese  Nachkriegsgeschichte spielte in Eberbach 1/3 am Neckar, in Heidelberg 2/3 und in Wilhelmsfeld 3/3 von 1944 bis 1959.


 

Es berührt mich tief, wenn ich in deine traurigen Augen schaue, du sagst, du hast einen Spielkameraden verloren. Oh ja, ich erinnere mich gut, jahrelang habt ihr miteinander gespielt, habt euch gezankt, nur um euch gleich wieder zu vertragen. Ihr wart, so schien es mir, unzertrennlich! So manche Streiche habt ihr ausgeheckt, und nun, sagst du, kommt er nicht mehr in unsere Straße.

Ich merke, meine Tochter, es ist nicht einfach, dich in diesem Augenblick des Schmerzes zu trösten und vielleicht fällt mir deshalb diese kleine Geschichte ein, die ich einmal vor langer Zeit selbst erlebt habe und die seitdem in meinem Herzen wohnt.

Setzt euch zu mir, ich möchte dir und deiner Schwester diese nun schon lange zurückliegende Geschichte erzählen:

 

Wilhelmsfeld 3/3

Es war einmal ein Junge und ein wunderschönes Mädchen.

Das Haus mit dem wunderbaren Garten und meinem sicher noch dort stehen Spielzeug in Eberbach wurde verkauft. Man setzte Oma damit unter Druck, dass sich der Hang mit dem Garten lösen könnte und er so das Haus eindrückt. Oder raffgierigen Heimatvertriebenen, die begeistert vorher „Heil Hitler“ jubelten, den Behörden so große Ländereien angaben, die sie jetzt bei ihrer Flucht aufgeben mussten, dass die von ihnen „besessenen Quadratkilometer“ zusammen gerechnet, die Fläche Berlin Moskau ergeben hätten. Oma hätte ihnen einen „Lastenausgleich“ zahlen müssen, da ja ihr Haus im Krieg nur von einer kleinen Granate beschädigt wurde.

Der lumpige Erlös war schnell unter ihren Kindern verteilt und Oma wurde von ihnen in die absolute Einsamkeit hoch über dem Dorf Wilhelmsfeld in ein kleines Häuschen gegen ihren Willen verbannt.

Aber das Häuschen hatte immerhin ein Klo, in das man nur rein kam, wenn man dünn war. Oma schaffte das gerade. Eine noch kleinere Dusche, die aus demselben Grunde nicht zu gebrauchen war. Eine Küche mit einem für sie neumodisch ungewohnten Elektroherd und, oh Luxus, ein kleines Küchenfenster gab es auch. Ein Küchentisch mit Stühlen und ein Küchenschrank fanden knapp ihren Platz. Das Wohnzimmer hatte zunächst auch nur ein kleines Fenster, das man aber später vergrößerte und eine Glastüre zur „Terrasse“ auf der hinteren Seite des Hauses kam dazu.

Ihr kleiner Lieblingssessel aus schwarzem Samt mit goldenen Borten und den links und rechts an der Armlehne baumelnden Bommeln (Quasten) stand am Fenster wo ein Sonnenstrahl auch Oma erreichen konnte. In der Mitte des Wohnzimmers hing wieder die Hirschgeweihlampe von Opa mit einer an Ketten befestigten Glasschale für die toten Mücken. Darunter kurvten ständig andere doofe Mücken in fast unermüdlichen Spiralkreisen um diese hässliche Lampe. Dann war da noch das Schlafzimmer mit einem Doppelbett und zwei Nachtkästchen, das aber nur im Winter über eine Schiebetüre vom Wohnzimmerofen aus zu erwärmen war. Über dem Bett hing das Gemälde Leda mit dem Schwan, was immerhin besser war als der bei den meisten Deutschen so beliebte röhrende Hirsch. Ein adäquates Mittel gegen das deutsche christliche Ehenachthemmt! Das hatte bei der unaussprechlichen Stelle der Ehefrau eine kleine viereckige Öffnung und einen sittsam verschließenden Lappen den man aufklappen konnte. Vier Kinder sind dennoch gezeugt worden, meine frigide Tante und ihre sexgierige Schwester, die sich meine Mutter nannte. Bruder Erwin, der an einem Kruppanfall erstickte und meine Oma nach Opas Oberlehrermeinung daran alleinig schuld hatte und meinen Onkel Robert der keinen Fahrschein für die in Moskauer vor im liegende Straßenbahn im Winter 1941/42 von Joseph Stalin bekam, da er ja in einem Schützenloch vor dieser Stadt lag.

Ausgestopfte Greifvögel aus dem Arsenal von Oberlehrer Heinrichs jägermeisterlichen Ära und ein Frettchen geisterten auf dem Kleiderschrank abgestellt vor sich her.

Schick war, dass alle Türen Schiebetüren waren, auch die Klotür. Hier hatte sich mal mein zwei Tonnen Stiefvater bei seinem ersten und letzten Besuch beim Pinkeln heftig eingeklemmt und konnte nur durch Hilfe eines kräftigen Nachbarn unter Schmerzen befreit werden.

Hihi! War das lustig! ;-)))))))

 

Der Lebensmitteleinkauf für das Alltägliche gestaltete sich schwierig. Zunächst konnte meine Oma ihre Lebensmittel nur unten im Tal bei der evangelischen Kirche einkaufen. Die meisten ihre Nachbarn kamen nur zum Wochenende in ihr Wochenendhäuschen Paradies und brachten ihr hin und wieder Lebensmittel aus Mannheim mit. Später kam ein kleiner Laden unterhalb ihrer Straße dazu, der aber nur schwerlich über einen vom Regenwasser ausgewaschenen steilen und sehr steinigen Trampelpfad zu erreichen war. Fast unüberwindbar für Oma Anna. Aber das schien ihren Kinder völlig egal zu sein.

 

Aber das Wichtigste: Fortan konnte ich nun am Wochenende meine geliebte Oma besuchen und so der Wochenkälte in der großen Stadt entfliehen und wenn nötig alles für Oma einzukaufen. Auch wenn ich bis ins Tal des Dorfes mit einem kleinen Rucksack musste.

Aber zu erst musste es Samstag werden, dann stand einer Fahrt zur Oma fast nichts mehr im Wege.

Immer, wenn ich den steilen Berg zu Oma hoch lief, war es mir meist schlecht durch die vielen Kurven, die der Postbus keuchend erklimmen musste, aber es befreite mich auch wohltuend von den bitteren Wochenerlebnissen meines Heidelberger Zuhauses. Meine Oma stand mich erwartend vor ihrer Haustüre oben auf der Treppe hinter dem Nussbaum, die über kleine Stufen durch den Steingarten zu erreichen war und winkte mir freudig zu.

Sie erwartete mich mit köstlichen Bratkartoffeln, die ich soooo liebte.

 

Eines Tages

passierte genau das, was nun einmal zu einem guten Märchen gehört. Ich träumte von wunderschönen Dingen, hielt mich dabei an dem Jägerzaunpfosten fest, der Omas Gartentüre an den Scharnieren hielt und schaute dabei die leere Straße entlang. Da sah ich sie das erste Mal, oben auf der Straße vor dem schönen Haus auf der Kuppe.

Sie war von zierlicher Gestalt, fast zerbrechlich, einer Elfe gleich und wunderschön. Doch plötzlich war sie weg, so wie Träume platzen können, wenn die Mutter morgens aufmunternd kreischt:

„Aufstehen, die Schule ruft!“

 

So sehr ich auch zu diesem großen Haus mit den verglasten Wintergarten-balkonen und dem Flaggenmast schaute, wohin sich die kleine Straße von Omas Haus aus hoch bemühte, ich sah sie nicht mehr und in der Erinnerung blieb ihr damals modischer Petticoat und einen Hula-Hoop-Reifen, den sie gekonnt um ihre zierliche Hüften schwang.

Das Wochenende, an dem ich sie zum ersten Mal sah ging zu Ende und ich fuhr mit dem gelben Postbus zurück in die Kälte. Wie gerne hätte ich mein Erlebnis zu Hause erzählt, aber es interessierte dort keinen und ich war schon froh, dass ich nicht auch noch geschlagen wurde und es nicht wieder zu Hause nach Gas roch. Nein, geschlagen wurde ich nie, „nur“ übersehen.

Meinen Schulkameraden Volkhard, Bruno und Rolf von dem schönen Erlebnis erzählen, konnte ich nicht, sie hätten mich sicher ausgelacht und außerdem war es nicht üblich, dass ein Junge mit einem Mädchen spielen wollte.

So ganz sicher, das alles nicht geträumt zu haben, war ich auch nicht. Also schwieg ich lieber.

 

Die ganze Woche konnte ich an nichts anderes denken. Abends, wenn ich in dem neuen Bett, in der Ecke des Speisezimmers am Fenster lag, ließ die Müdigkeit meine Angst langsam verschwinden und stellte mir vor, sie wäre Glöckchen (Nasenweis) und käme, um mich mit goldenem Zauberstaub zu bedecken. Mit davon zu fliegen, in das Neverland zu Peter Pan, in dem es zwar ein 2 Tonnen Krokodil und einen widerlichen 2 Tonnen Seeräuberkapitän gab. Aber gegen diese 2 x 2 Tonnen durfte man wenigstens ungestraft kämpfen. Auch gegen das Krokodil, das mal seine Taschenuhr mit samt seiner Seeräuberhand abbiss, diese dabei verschluckte und nun ständig in seinem Bauch tickte und so das Krokodil beim Anschleichen verriet.

Aber woher kannte ich damals die Geschichte von Peter Pan?

In der hochwohlgeborenen Heidelberger Landgerichtsrat a. D. Wohnung konnte meine Mutter als ehemalig begeistertes BDM Mittglied (spott: Bald Deutsche Mutter) unmöglich diesen niedern Putzdienst tun und so kam kurze Zeit für ein paar Groschen ein Ami...,(Flittchen) so meine Mutter liebevoll, mit dem Namen Ilse in unsere Wohnung. Sie brachte mir diese im besiegten Deutschen Lande "verbotenen" und verpönten Ami-Schund-Hefte mit, die sie von ihrem GI-Freund hatte. Heiratete bald und ging glücklich mit ihm in die USA.

So lernte ich Anfang der Fünziger Peter Pan, die Micky Maus, Donald Duck und Schweinchen Dick aus Walt Elias Disneys Comics kennen. Die es auch bald um die Ecke im Bleistiftenladen, aber für mich unerschwinglich, für 75 Pfennige wöchendlich zu kaufen gab.

 

Nur der Gedanke, bald wieder mit dem Postbus hinauf in den Odenwald fahren zu dürfen, machte mir Mut. So ganz einfach war das allerdings nie, denn die 90 Pfennige für hin und zurück mussten erst einmal da sein. So sparte ich manch mal die Zehnerbrezel auf dem Schulhof ein. Diese hieß so, weil sie damals nur 10 Pfennige kostete. Aber der Hunger machte mich schwach und am Freitag hatte ich trotzdem die 90 Pfennige zusammen da man mich ja loshaben wollte.

Und wenn nicht, so könnte ich den Busfahrer bitten, der mich ja sicher schon kannte, mich „fer umme,“ also umsonst, zur meiner Oma mitzunehmen.

 

So geschah es, das ich wieder am Zaun stand und die kleine Straße verträumt hoch schaute. In der stillen Hoffnung das Mädchen mit dem Petticoat wieder zu sehen. Aber so sehr ich auch schaute, ich sah sie nicht! Selbst zu ihr zu gehen und an ihrem Haus zu klingeln, nach ihr zu fragen, was heute normal wäre, das traute ich mich damals nicht.

Doch plötzlich, beinahe wäre ich zurück auf die Wiese hinter Omas Haus gegangen, stand sie wieder auf der Straße vor ihrem Haus. Ging die kleine Straße hinunter, kam auf mich zu. Mein Herz begann zu klopfte, spielte verrückt und meine Knie wurden weich, verhinderten so jede Flucht vor ihr und  dem unbekannten Gefühl, dass von nun an mich in Besitz nahmen.

Nun stand sie vor mir, schaute mich mit ihren frechen blauen Augen an und fragte:

„Hey, spielst du mit mir?“

 

Das sagte sie einfach so und ohne jede Scheu. Sie trug eine Pferdeschwanz-frisur mit einem Ponyschnitt und ihre blonden Haare glänzten wie Gold in der Sonne.

Wie begannen mit irgendwas zu spielen, vielleicht mit den Pfützen, oder den Regenwürmern. Oh, ich glaube sie ekelte sich vor ihnen. Was wir spielten war sicher in diesem Augenblick nicht so sehr wichtig, Hauptsache, wir waren zu zweit nicht mehr so alleine. So begann, von uns beiden unbemerkt, eine lange Freundschaft. Diese ging von Wochenende zu Wochenende, von Jahr zu Jahr, von Wolken zu Sonnenschein, von Regen zu Gewittern und von Postbus zu Postbus.

 

 Wollen wir den Beiden einen Namen geben?

„Ja!“ - Gut, nennen wir sie Helga und ihn?

„Lothar natürlich!“ Riefen meine beiden Töchter.

 

In den ersten Wintern wohnte meine Oma Anna noch in diesem nur schlecht beheizbaren Häuschen, das eigentlich nur ein billig gebautes Wochenendhaus war, ohne Telefon aber wenigstens mit Strom und Wasser, wenn dies nicht im Winterfrost eingefroren war. Holz gehackt von Oma, so es gab, wurde im Spinnenweben verhangenen muffigen Lehmbodenkeller.

Aber der Winter nahm mir auch die Zeit, mit Helga zu spielen. Wenn also die Pfützen wieder tauten, der Postbus die getaute kurvenreiche Bergstraße wieder hinaufkeuchen konnte, das Fahrzeug hatte damals noch ein lautes Posthorn, also die letzte Kurve am „Langen Kirchbaum“ nahm, schmetterte der Fahrer das Bus Horn mit dem Postsignal „Tatütata!“ elektrisch durch den Wald.

Klar, das tat der Fahrer nur für ihn, für Oma und Helga. Nun wusste Oma und Helga, Lothar kommt!

 

Wir erzählten nie, wie es uns in der lang vorkommenden Zeit bis zum Wiedersehen ergangen war. Auch Helga hatte es nicht allzu gut getroffen, gut Geld durch ihre Oma war da und sie war das Vorzeigepüppchen. Die wenige zum Spielen in der von ihrer Mutter erlaubten Zeit war für uns einfach zu kostbar.

Helga hatte immer neue Ideen und ihre Fantasie reichte aus, um diese kleine Straße, oder besser ein kleines Stück von ihr, zu einer für Erwachsene uneinnehmbaren Insel zu machen, die jedoch von ihrer strengen Mutter jederzeit zur Kontrolle einsehbar sein musste. Das begrenzte natürlich die kleine Straße für uns Spielenden erheblich.

Manch mal kamen auch Thomas und Bernhard dazu, denn jetzt durften wir alle nach Herzenslust glücklich träumen. So wurde ein großer Weidenbusch zur Villa und Helga zur Mutter. Nur ich konnte mit meiner Rolle als Vater wenig anfangen, da ich ja nie gelernt hatte, was ein richtiger Vater ist.

Oh ja, da wurden Steine zu Gold, Kieselstein zu Diamanten und wenn Helga es wollte, man musste nur die Augen schließen, donnerten die schönsten Wildpferde durch Omas liebevoll gepflegten Steingarten!

Es wurden Träume geträumt, Streiche ausgeheckt, die man mangels Opfer nicht durchführen konnte, über Wiesen gerannt, die es damals noch in Fülle gab und manchmal hörte man Lothar sogar lachen.

Oh ja, ich genoss ihre Träume und ihre Wärme, den Sonnenstrahl der Zeit.

Aber wenn die Sonne drohte über dem Horizont unter zu gehen, die Dunkelheit sich von Ferne schleichend ankündigte, dann ging ein Fenster in Helgas Hause auf und die herrische Stimme ihrer Mutter hallte so über die kleine Straße, dass selbst die Spatzen vor Schreck vom Himmel kippten. Alle Grashalme und Blätter begannen sich ringsum zu kräuselten. Die Käfer legten sich auf den Rücken und stellten sich tot!

„Helgaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“

Hässlich, war das. Dieser herrische Schrei hatte den Restklang, der hoffentlich für immer untergegangen Nazi-Zeit.

Oma, als hätte sie es gewusst, erwartete mich natürlich mit Bratkartoffeln und einem Glas Milch.

Oma Anna setzte sich im Wohnzimmer gerne an das Fenster. Dort stand ihr alter, mit der Zeit etwas Borden los gewordener kleiner Sessel. Auf dem natürlich nur sie sitzen durfte, was ja zu verstehen war. In Griffweite stand ein Schaub Lorenz Radio mit einem quietschenden Mittelwellensender und Röhren, die etwas Zeit brauchten, um den Ton hörbar zu machen.

Die alte Standuhr zeigte 19 Uhr, ihren Klöppel zum Anschlagen der Zeit hatte man ihr verbogen da Oma immer so sehr erschrak wenn sie die Zeit anschlug.

 

Damals gab es noch für Kinder einen Radio-Gutenacht-Onkel im Stuttgarter Rundfunk der kleine Geschichten erzählte. Dieses Mal verabschiedete er sich von drei Kindern die mit ihren Eltern nach Chile, das liegt in Südamerika, fuhren. Meine Oma stand auf und holte den Atlas von Opa und zeige mir Feuerland. Erzählte von Indianern mit Feuer, das sie gegen die Kälte zum Wärmen in ihren Booten mit sich führten und den hohen Andengebirge mit ihren feuerspeienden Vulkanen. Erzählte von einem Vogel, einem Kondor, der eine riesige Flügelspannweite hatte und von der heiligen Stadt Machu-Picchu.

Vom Untergang der Inkas, einem hohen Kulturvolk, durch europäische Goldgier, mitgebrachten Viren, Pferden, eiserne Waffen und christlichen Missionare, die ihre hohe Kultur als Teufelswerk ansahen. Ihnen Jesus beibrachte, der eigentlich ein Jude war, die Thora liebte und so etwas als bar-mizwa (Jüd. Gesetzestreue ab dem 13. Lebensjahr) nie mit Menschen gemacht hätte.

Las Casas, der als Mönch und Historikers die Unterdrückung des Süd- und Mittelamerikanischen Volkes anprangerte? Eine ehrenwerte Ausnahmen, die nur die Regel bestätigte!

 

Ich ahnte damals nicht, dass unter den Kindern die der Gut-Nacht-Onkel verabschiedete, auch Hanna dabei war, die ich später, als sie wieder mit ihren Eltern von Chile zurückkamen, also wirklich später, in der großen Stadt Heidelberg treffen, lieben und heiraten sollte. Eure Mutter wurde.

Es war immer ein schöner Morgen, wenn man den langen Tag Zeit zum Spielen hatte. Regen war natürlich schlimm, denn da durfte Helga nicht aus dem Haus. Vielleicht weil ihre Schuhe in der Pfütze nass und schmutzig geworden wären. Aber was noch viel Schlimmeres konnte geschehen, sogar bei Sonnenschein und es kündigte sich leise und in der Ferne aus dem Tal an. Kam schnell näher, war schwarz und röhrte ungebremst durch die kleine Straße. Sogar mitten durch die kunstvoll verbundenen Pfützen und mitten über die uneinnehmbare Insel.

Es war ein VW-Cabrio mit einem NW Nummernschild!

„Helgaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“

 

Ich schaute traurig zu den Wolken, sah wie sich die Vögel bei diesem Schrei nach Helga an ihnen verzweifelt festkrallten, um nicht wieder abzustürzen.

Dabei sah man einen hässlichen Funken des aufkommenden Zornes in meinen entsetzten Augen.

Aus für mich unergründlichen Gründen musste Helga umgehend nach Hause. Vielleicht weil der Mensch sich anschickte ihr Ersatzvater werden zu wollen. Na ja, er war irgendwie ganz nett, erzählte Helga, doch für mich war der Tag zerstört.


Das Blechspielzeug und der unstillstehbare Motor.

Nun sollte ich mal den Begriff „unstillstehbare Motor“ erläutern, eine Worterfindung von mir, die besagt, dieses Fahrzeug kommt überall durch, auch durch die wildesten Träume.

Ich besaß damals ein wunderschönes Porsche-Kabrio-Blech-Auto mit E-Motor, funktionierendem Lenkrad. Gangschaltung für zwei Vor- und ein Rückwärtsgang und ewig müden Batterien. Das Größte war der kleine Zündschlüssel in einem Lederetui, den man auf keinen Fall verlieren durfte, da sonst das Auto nicht fuhr.

Auch hatte ich einen schweren Panzer mit Aufziehmotor, beides hatte ich von meinem Stiefbruder Gigi, der 1955 als letzter „Landser“ aus Russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte und den Alkohol, die Kippe und die NPD liebte.

Doch Helga mochte dieses Kriegsgerät überhaupt nicht, ob wohl er doch mit seinen Gummiketten so schön über Stock und Stein fahren konnte, was mir sehr wichtig war.

Auch das Entfernen der Zwillingsmaschinengewehre nutzte für ihre Sympathiegewinnung nichts. Auch wenn ich die Kanone abschraubte, es nutzte nichts, Helga mochte ihn einfach nicht.

Sie rettete, sichtbar angeekelt, aber voller Herzenswärme in dieser Spielzeit mit einem Stöckchen halbertrunkene Regenwürmer und Käfer aus den Pfützen.

„Und wehe dir Margo, dein Panzer überrollt einen noch nicht von mir geretteten Regenwurm!“

Die vielen Pfützen Fahrten ließen den Aufziehpanzermotor bald verrosten und zurück blieb der Gedanke an einen unstillstehbaren Motor, der natürlich von mir, dem größten aller Erfinder außer Daniel Düsentrieb, erst noch erfunden werden musste.

 

In der Mönchhofschule Schule Heidelberg

gab es zwischen den dumpfen Diktaten und Rechenübungen und den ewigen Pausen durch den Lehrermangel, in denen schon mal ein cholerischer Hausmeister mit seinem dicken Schlüsselbund oder Hammer nach uns warf, pädagogische SW-Filme zum anschauen und lernen.

„Die Brücke“ von Bernhard Wicki zum Beispiel, einen Antikriegsfilm, in der eine Schulkasse zur Front musste und dabei völlig sinnlos bei der Verteidigung einer völlig unwichtigen Brücke verheizt wurden.

Doch dieser Film kam bei uns Jungs nicht richtig an, da unsere Väter, in meinem Fall der Stiefbruder, gerne ihre Heldentaten vor uns rühmten. Das jährliche Neckarhochwasser da schon eher, denn es schwemmte Munition, Stahlhelme und Karabiner zum Krieg spielen für uns aus dem Schlamm.

Ein anderer Film über einen „Fips“ wurde für mich schon sehr wichtig, da er einen eckigen Unimog, Universal-Motor-Gerät 401 Baujahr 1953, ein Cabrio mit 25 PS, mit vier großen Stollenrädern und riesiger Bodenfreiheit zeigte, wie er mühelos auf den extrem steilen Geröllstraßen in Richtung meines Traums nach Machu-Picchu fuhr.

Er hatte so etwas wie den unstillstehbaren Motor!

Doch dieses Auto blieb für mich ein Traum, nicht ganz, da ich dieses Auto als Wiking Auto erwarb und so in Omas Garten schon einmal seine Geländetauglichkeit testen konnte. Da das Auto ein Zweisitzer war, war er bestens zum träumen geeignet! Natürlich zu zweit allein mit Helga!

 

Der kleine Bach und das Pony

Irgendwie schaffte es Helga eines Tags bei ihrer Mutter, dass sie mich mit dem schwarzen NW-Käfer zum Picknick an einen wirklich verwunschenen Ort in einem Wald mitnehmen durfte. Ich durfte auf der Rückbank neben Helga sitzen. Am Steuer der Mensch der ihr Ersatzvater werden wollte und auf dem Beifahrersitz ganz im Fünfzigerjahre Stiel geordnet ihre Mutter. Frauen am Steuer, damals undenkbar! Lothar und Helga auf dem Rücksitz, nur mit Zwischenraum erlaubt! Es war wirklich sehr aufregend in diesem Kabrio, so vom Fahrtwind umtost röhrend durch das im Tal liegende Dorf zu brettern. Am Ende des Dorfs ging es wie erwartet auf der kurvenreichen Straße in den Wald. Plötzlich und unerwartet, bog das Auto ab und fuhr einen schlechten Waldweg entlang. Der Weg wurde immer steiler und schlammiger und gegen alle Befürchtungen blieb der Wagen, obwohl er hinten den Motor hatte, nicht stecken, was natürlich meine tiefe Bewunderung hervorrief. An der gesuchten Stelle angekommen, ging es noch ein kleines Stück bergab und es tat sich eine Elfen verwunschene Lichtung auf, mit verzaubertem weichen Gras und lieblichen Moosen. Alles was ich hier entdecken durfte, übertraf meine Erwartungen und ich schaute auf einen kleinen Bach, der leise vor seinen Füssen dahin gluckerte. Dieser war gerade zwei Kinderhände breit und lud zum Spielen ein.

Es war das Jagdgebiet von Helmut H., der im 3. Reich ein jüdisches Kaufhaus zum „Reichswert“ übernehmen konnte. Ein guter Bekannter von Helgas Mutter und ihrer Oma.

Umweltschutz gab es damals noch nicht, aber eine Helga, die solche Visionen schon in die Wirklichkeit bringen konnte. So war es besser, gehorsam seine Schuhe auszuziehen um ja keinen Käfer zu verletzen.

Ach ja, wir beiden hatte sogar Badesachen dabei, nicht zum Schwimmen, nein, zum Nasswerden beim Brückenbauen, beim Stöcke treiben lassen und beim Aufstauen des Baches.

Der Bekannte, der ihr Vater werden wollte, schnitzte mit einem Taschen-messer aus einer Baumrinde für uns kleine Schiffchen und zwischendurch wurde der Picknick Korb geplündert.

Die Brote waren mit Wurst und Käse üppig belegt und reichlich. Nein keine gewöhnlichen Klappstullen, also belegte Brote. Nein, vornehme Sandwichs aus weißem Toastbrot, herrschaftlich diagonal zu Dreiecken geschnitten.

Ich hatte zum ersten Mal eine Ahnung von dem was ein Vater sein könnte.

Ich gönnte dieses Glück Helga von ganzen Herzen und hatte er ihr nicht gerade ein Shetland Pony versprochen?

Nun, das war meine Meinung, den erwachsenen Männern sollte man nicht zu viel glauben, auch dann nicht, wenn sie alle Arme und Beine hatten und keine zwei Tonnen wogen.

Sollte er sein Versprechen vergessen, halb so schlimm, dann wollte ich es für sie einfangen.

Klar, das Schönste sollte es sein. Das Problem war nur, wo liegt Shetland? Oma und ihr alter Atlas von Opa waren mal wieder gefragt.

 

Die Zeit verging, das Blechauto bekam Getriebeprobleme und meine Versuche es am Leben zu erhalten scheiterten kläglich. Schade, denn das Auto mit dem unstillstehbaren Motor, dem Perpetuum Mobile, war noch nicht vollständig von mir erdacht. Es war doch so schön zu träumen, von den Reisen mit Helga durch die kleine Straße, über ihre erträumte Insel, durch die schönen Pfützen nach Machu Picchu, vorbei am Kilimandscharo mit den Giraffen und den Elefanten mit den riesigen Ohren.

 

Ja, die Zeit eilte weiter, Oma wurde immer kränker und ich konnte nicht mehr so oft zu ihr kommen. Doch immer, wenn es irgendwie möglich war, besuchte ich sie und hoffte, dass Helga mit mir spielen durfte. Dann wurde die Zeit genutzt, man zeichnete zusammen, ging auch einmal ins Kino, ich meine der Film Heidi war es. Das war damals schon etwas besonderes, denn das Kino wurde unten im Dorf in einer Wirtschaft eingerichtet. Leinwand, Filmprojektor und ausreichend Stühle, das war alles.

Im Sommer ging es mit dem Bus in das Waldschwimmbad im Tal nach Schriesheim. Übte dort den „Köper“, also den Startsprung, den Helga sofort konnte. Kämpften zwischendurch verbissen gegen Bremsen (Tabanidae), die heftig nach Blut bissen und wenn das Geld reichte, gab es Eis.

Das Schwimmen fahren war jedoch oft vom schlechten Wetters oder von der ebensolchen Laune ihrer Mutter abhängig.

Das Pony aber, hat sie nie bekommen.

 

1959

Eines Abends durfte Helga, sie war zu einem wunderschönen Mädchen auf dem Weg zur Frau geworden noch einmal aus dem Hause. Was wirklich etwas Besonderes war, denn ihre Mutter wurde mit ihr immer strenger.

Das hatte irgendetwas auch mit mir zu tun und natürlich damit, dass ich langsam zu einem Mann wurde und die aufkommende Sexualität in mir versuchte zu verstehen. Wenn sollte ich zu diesem Tabuthema fragen?

 

Es war die Zeit der Sternschnuppen!

Wir lagen zusammen im schützenden hohen Gras unserer geliebten Blumenwiese und schauten zum klaren Sternenhimmel auf. Helga erzählte mir, dass man sich beim Anblick einer verglühenden Sternschnuppe etwas wünschen könnte, es aber nicht sagte darf, denn nur dann ging der Wunsch in Erfüllung!

So schauten wir gebannt zu dem Sternhimmel über uns und als wir die erste Sternschnuppe mit ihrem langen Lichtkratzer verglühen sahen, hielten wir den Atem an, drückten uns die Hände fester und wünschten uns schnell das Erdachte.

Ich wünschte mir die Befreiung von dem, was mich zerstörte und dass die Zeit für das Schöne mit Helga für eine ganze Ewigkeit anhielt.

Sie vielleicht etwas von einem ersten Kuss, einer ersten Umarmung von mir.

Ich weiß es nicht, denn wir erzählten es uns ja nicht und ich habe ja leider aus purer Feigheit nie versucht ihr einen Kuss zu geben.

Natürlich fühlte ich etwas, wusste aber nicht was es bedeutete und als sie mich ganz lieb mit ihren blauen Augen in dieser Sternennacht anschaute, verstand ich sie nicht!

Aber was hat uns beiden eigentlich daran gehindert, weiter befreundet zu bleiben? Ihre strenge Mutter hatte es oft versucht, uns beiden zu entzweien. Die beiden Omas, also auch ihre, mussten dann eingreifen, ja so gar sich kurzzeitig für Helga und mich verbünden und so sah man uns beiden wieder mit einander spielen oder einfach nur rumstehen.

Ich glaube es war die Gleichaltrigkeit, die uns auseinander gehen ließ. Wahrscheinlicher aber meine Zerstörtheit. Vielleicht hätte ich mich öfters mal mit ihr über meine Heidelberger Probleme unterhalten sollen, aber das alles hätte sie nur sehr traurig gemacht. Hatte ich doch erlebt, wie zornig sie wurde, als man mich für kurze Zeit in ein Diakonisches Kinderheim mit dem Namen Sperlingshof loswurde. „Ach, ich meine es doch nur gut mit dir!“ So meine Mutter mal wieder. Wo es ausreichend Jesus, Brenn-Nesselsuppe, Schläge und hühnereigroße Furunkel gab. Nein, ich wollte ihr Herz mit so etwas nicht belasten. Auch nicht mit der Freude, als mein zwei Tonnen Problem durch sein langes Herzleiden in seinem eigenen Wasser langsam ersoff.

Mein geliebter Lehrer Pringsauf, Direktor der Mönchhofschule in Neuenheim, der sehr stark auf meiner Seite stand und mich aus dem Kinderheim befreite, rief mich an diesem Morgen aus der Klasse und sagte behutsam:

„Lothar du musst jetzt tapfer sein, dein Stiefvater ist soeben verstorben!“

Ich lachte laut auf, tanzte und jubelte meine Freunde hinaus in meine Klasse. Doch keiner meiner Schulkameraden verstand mich, wussten sie doch nichts, oder nur wenig von meinem bitteren Zuhause.

Bei allem stand ich auf Seiten seiner Mutter. Verständlich, denn Mutter ist Mutter. Es war die verzweifelte Suche nach etwas Liebe und Zuneigung. Ähnlich eines einsamen Sittichs zu seinem, in den Käfig gehängten Spiegels, - seines Spiegelbildes.

 

Die Gewitter   

Die Kälte begann mich einzuholen. Meine Oma wurde immer schwächer, Nachbarn versorgten sie mit dem Nötigsten. Die schweren Wilhelmfelder Gewitter setzten ihr arg zu, kein Faraday (Käfig) konnte sie trösten, kein Benjamin Franklin (Blitzableiter) konnte ihr Mut machen. Nicht vor dem heftigen Blitzen, vor dem Donner hatte sie Angst und verkroch sich ausweglos in ihr Schlafzimmer. Sie hatte zwei schwere Weltkriege erlebt. Kannte ihren Vater nur als einen durch seinen Mund geschossenen Kriegsverletzten des deutsch-französischen Krieges. Sah auch einmal durch ihr Küchenfenster einen Kugelblitz in das Dach von Helgas Haus einschlagen. Sah wie dieser dort abprallte und durch das Fenster des in der Nähe befindlichen Hauses von Bernhard und Thomas mit einem lauten Knall einschlug. Die erschrockene Tante der Beiden erzählte, dass dieser den Teppich in dem  Kinderzimmer versengte und gerade noch vor den Betten von Thomas und Bernhard halt machte.

Was war das ein wirklich großer Schreck in dieser kleinen Straße! Wissenschaftler behaupten zwar, Kugelblitze gibt es nicht. Doch Oma Anna hat einen erlebt und gesehen, also gibt es sie!!!

Aber wenn die Unwetter vorbei waren, kamen immer noch die schönen Stunden mit ihren Erzählungen.

 

Omas Helden

So erzählte sie immer wieder diese großen Geschichten von ihrem Lieblingshelden Moses. Von seinen mutigen Auftritten vor dem Pharao. Moses war Stotterer und G’tt führte ihm die Worte. Nervte den verstocken Pharao mit widerlichen Plagen und so ging es dann doch mit „Knäckebrot“ auf die Flucht durch das geteilte Schilfmeer. Moses empfängt die Zehn Gebote, die G’tt mit seinen Fingern für uns Menschen auf die beiden Steintafeln gebrannt. Gut, Moses hat vor Zorn die erste Ausgabe „fallenlassen“...!

Daraus wurden mit der Zeit 613 Gebote und Verbote! Nicht von G’tt, von dem Rabbis! Aufgeschrieben von dem jüdischen Arzt, Philosophen und Wissenschaftler Maimonides 1135-1204 Córdoba/Kairo. Auf den legendären Tanz um das Goldene Kalb, die darauf folgenden vierzig Jahre Wüstenlatscherei als Strafe. Auch eine meschuggene Meuterei gab es:

„Wir wollen zurück in die Sklaverei, dort gab es immer Essen!“  Maulten die immer etwas renitenten Hebräer.

Manna fiel darauf vom Himmel und die doppelte Menge sogar am Freitag w.g. Schabbat!

Auch Moses zorniger Hieb mit seinem Stock auf einen Felsen ging in die Geschichte ein. Aus dem so geschlagenen Felsen sprudelte Wasser für die Dürstenden und der betagte Moses mit seinen 120 Jahren durfte noch den Berg Nebo besteigen, da er ja für sein Hadern mit G’tt nicht mit in das Gelobt Land durfte, also nur mal rüberkiecken durfte.

 

In Omas Gutenachtgeschichten es gab noch mehr Helden.

Madam Curry, Physikerin und Chemikerin, zweifache Nobelpreisträgerin. Die das Radium erforschte und so zum erste Strahlenopfer wurde. Das Wort „radioaktiv“ erfand!

Lise Meitner ✡, 1878-1968, Kernphysikerin, die sich weigert an der Atombombe mitzuarbeiten. Die Kernspaltung entdeckte, dies Otto Hahn schrieb und der dafür den Nobelpreis einheimste! Ohne dabei rot zu werden.

Jüdische Gehirne diese Bombe ersannen, da sie sicher waren das diese Bombe den Krieg für immer aus dieser Welt verbanne würde.  – Ein dritter Weltkrieg fiel bis jetzt aus...

Hauptmann Dreyfus ✡, 1859-1935. Die Dreyfus-Affäre, die sie so aufregte.

Ja, Amundsen und der Südpol, die Tragödie um Scott. Warum Eisbären alles, nur keine Pinguine fressen, war Oma Anna ein beliebter Scherz den ich damals einfach nicht verstanden.

Sie hatte so viele Geschichten!

Wenn ich nur genügend meine Oma quengelte, erzählte sie mir „meine Geburtstagsgeschichte“ die sie immer sehr erheiterte.

Mich auch, auch wenn ich sie nicht wirklich in ihrer vollen Tragweite verstand und lange glaube, sie sei von ihr frei erfunden.

 

Paris  

Sie spielte nicht vor ihrem Haus, auch nicht im Steingarten. Sondern in einer düsteren Gasse fernab in Paris. Dort löste sich zu meinem Salut, so erzählte Oma Anna vergnügt, am 19.08.1944 Punkt sieben Uhr in aller Frühe zum Zeitpunkt meiner Geburt ein Schuss aus einem alten Karabiner. Die Kugel des müden, namenlos gebliebenen französischen Helden schwirrte ziellos durch die Gasse und wurde zum Aufbruchssignal dieses siebentägigen Befreiungskampfes seiner Stadt Paris durch die Résistance unter dem Lothringer Doppelkreuz. Auch der Himmel kämpfte mit und pflanzte einem deutschen Gouverneur, General Dietrich von Choltitz, das ihm seit 12 Jahren verloren gegangene Gewissen zurück in sein durch „andauerndes hakenschlagendes Jawohl“ versteinertes Herz und so verweigerte er todesmutig den Befehl des GröFaZ (Größter Feldherr aller Zeiten, dem Berliner Fatzke, Spinner entliehen) zur Zerstörung von Paris.

Gefeiert wird dieser Tag der erfolgreichen Befreiung heute in Paris am 25. August.

Was für ein wunderschönes Willkommensgeschenk! Eines Tages verstand ich auch Omas Spruch: „Der da ist nicht unser!“ Bedankte mich später als Erwachsener mit euch bei der „Pegasusbridge“ bei diesem aufgeregten alten Veteran, der stolz sein Rotes Barett trug, mit meinem festen Handschlag und den Worten auf deutsch:

„Danke, dass ihr gekommen seid!“.

Mit dieser Militärmütze war er und seinen Kameraden von der 6. Schottischen Luftlandedivision in der Nacht zum D-Day zur Sicherung der „Pegasus Bridge“ mit ihren Lastenseglern vor Bénouville gelandet um die Kippbrücke an dem Caen Kanal / Orne für das Gelingen der Invasion zu halten.

 

Was weiß ich schon wirklich von meiner Oma? Sie hatte in der NS-Zeit und als ihr Mann noch lebte gelernt zu schweigen und ihr Leben in ihrer Frauenrolle als Schicksal zu ertragen. Musste Hakenkreuzfähnchen an den Fenster anbringen. Vor ihren nervigen Kindern schwieg sie, erzählte diese wunderbaren Geschichten nie. Sie blieben das Geheimnis von Oma Anna. Noch nicht einmal Helga durfte sie von ihr hören. Wie auch! Helga durfte noch nicht mal, wenn sie Pipi machen musste, Omas Haus betreten. Ihre Mutter hatte es ihr streng verboten.

 

De Gaulle

So fand ich einmal ein aus einer Zeitung ausgeschnittenes und eingerahmtes Soldatenbild in ihrer Nachttischschublade. Ich dachte, es sei ein Photo von meinem Vater, aber die getragene Uniform war komisch und so sprach ich sie neugierig darauf an. Doch sie wurde unerwartet zornig! So heftig zornig hatte ich sie noch nie erlebt und sie schwieg mit mir bis zum Abend. Eine hohe Strafe. Doch dann rief sie mich zu sich und sagte barsch befehlend von ihrem Sofa aus mit stolzer Stimme: „Sprich mir nach!“

„Vive la France, - Vive de Gaulle!“

Ich stammelte es erschrocken nach.

Das Photo, das ich unerlaubt in ihrer geheimen Nachtischschublade gefunden hatte, war General de Gaulle, den sie tief in ihrem Herze als den Befreier ihres zweiten Vaterlandes Frankreich von der Okkupation des verhassten Nazi-Deutschland feierte. Sie hatte ja auch die französische Staatsangehörigkeit.

Meine Grand-mère, die Güte in Person, war also ein heimliches Gedanken-mitglied der Résistance! - Plötzlich sang sie die Marseillaise! Nie wieder, außer in dem Kinokultfilm „Casablanca“ habe ich  je wieder einen Menschen die Marseillaise so inbrünstig intonieren gehört, so kraftvoll, so trotzig, so voller Stolz! Noch nicht einmal am 14. Juli in France.

 

Die ungeliebten Schnaken

Nach den Gute-Nacht-Geschichten gab es noch die legendären Kissenschlachten. Nein, nicht zwischen Oma und mir, sondern zwischen uns und den heimtückischen weiblichen Stechmücken, die man auch Schnaken nennt. 25 – 30 waren da schon einmal drin. Blöd wie sie waren saßen sie senkrecht auf der weißen Tapete und glaubten unsichtbar zu sein. Oma traf sie mit dem Kissen immer, was keine Flecken machte und so die Nachtruhe vor den bluthungrigen Plagegeistern gewährte.

Oma Anna schimpfte dabei immer gerne auf den Rhein, doch vor der Terrassentüre hatte ihr Sohn Robert ein kleines Wasserbecken zementiert. Er hatte nur den Ablauf für das Wasser vergessen, was die Schnakenbrut hoch erfreute und sich so ihr Nachwuchs im Regenwasser lustig tummeln konnte.

Meine Oma Anna wird in der Wilhelmsfelder Nachbarschaft heute noch als die alte Jüdin gehandelt. "Du bist Lothar, der Enkel der alten Jüdin!" wurde ich oft begrüßt. Ich habe mir in den Berliner Jahren große Mühe gegeben, dieses Geheimnis meiner Oma zu ergründen. Ihr Vater Christoph, eine deutscher Bahnhofsvorsteher (evangelich im Stammbuch) in Adamsviller Elsass-Lothringen hatte eine jüdische Ima (Mutter). Nach der Halacha war also ihr Vater ein Jude. Meine Oma Anna konnte dadurch nicht jüdisch werden, da nur jüdische Frauen das Judentum weitergeben können. Es währe nur durch einen Übertritt Omas möglich gewesen. Ihre Mutter war eine evangelische Christin aus Simmern. Auch wurde sie von meinen Opa, ein strenger Protestant, Elsässer, Oberlehrer und später glühender Nazi geheiratet! Juden hat er sicherlich verachtet - oder war das nur offiziell?!

Dieser Rohrstockpädagoge verbot ihr je wieder ins „Erbfeindesland Frankreich“ zu reisen. Da ja nach dem verlorenen 1. und 2. Weltkrieg ihre französisch Heimat Lothingen wieder zu France gehörte. Auch verbot er ihr die französische Sprache zu sprechen! Oma Anna wurde in Morhange/Moselle 9 Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg als Deutsche geboren.

Mein Vater August Rudolf, ebenso Leerer, hat sich wegen dieses Verdachts, meine Oma sei jüdisch, von meiner Mutter noch während der Schwangerschaft scheiden lassen!

So jedenfalls erfuhr ich es selbst von ihm.

Natürlich ist mir bekannt das „Lehrer“ sich mit einen h und nicht mit zwei e schreibt. Ich erkläre meine Gründe dafür im „Sonnenstrahl der Zeit Eberbach 1/3.“

Viele Hunsrücker zwang 1842 Armut und Hungernot ihre Heimat zu verlassen. So auch meine Vorfahren aus der Mütterlichen Linie. 

G'tt, gepriesen sei ER, gab seine Lehre dem Israelitschen Volk, da ER wusste das sie die Chuzpe haben, sie unverändert für die gesamte Menschheit zu bewaren. 

Aber wehe, man war Jude! Auch schon in der Kaiserzeit was es beruflich nicht opportun!

Oma Annas Vater war Kaiserlicher Bahnhofsvorsteher und bekam zu seinem Dienstjubiläum in Adamsweiler (German) Adamsviller (France) das

"Erinnerungszeichen für 40 jährige Dienstzeit"

auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers und König am 10.01.1907 aus Berlin

als evangelicher Christ... 

Die wahre Religionszugehörigkeit meiner Oma Anna bleibt vorerst für mich rätselhaft.

Aber sie brachte mir die hebräische G’ttesvorstellung bei!

Einen „Kompass“ denn ich sehr liebe und heute hoch achte.

 

Vielleicht hat sie etwas von ihrem Geheimnis in ihrer Wilhelmsfelder Einsamkeit beim Café und Kuchen ihm Café neben an ihrer neuen Nachbarschaft erzählt. Ich erinnere mich noch gut, dass ich danach dieser Caféstunde in den danach kommenden zweiten Wilhelmsfelder Sommerferien Helga nicht sehen durfte. Helga und ich hatten uns doch so sehr darauf gefreut, diese lange kostbare Zeit für uns zum Spielen zu haben.

Nachbarn griffen erstmals ein und so durfte ich mit Helga in den letzten Tagen dieser Sommerferien wieder spielen. Jedenfalls von ab war meine Oma in unserer kleinen Straße: „Die alte Jüdin!“

Ich bekam das irgendwie mit, ob durch Helga? Wahrscheinlich. Vielleicht durfte sie sich von nun an mir aus diesem Grund nicht mehr nähern, musste von da an einen „Sicherheitsabstand“ zu mir halten.

 

Oh ja Juden sind schrecklich, vergiften Brunnen, bringen die Pest und sind G’ttesmörder. Aber es gibt noch schlimmeres, ihre Nasen, ihre großen Ohren, ihren finsteren Geldzinsblick. Die vielen, vielen Nobelpreise, die sie hinterlistig für sich und nicht für die Wissenschaft eingeheimst haben. Zum Beispiel dieser "eine Stein" (Albert Einstein)! Schrecklich! Denn sie haben die meisten dieser Ehrungen bekommen! Na ja, Lise Meitner hat ja für ihre Entdeckung der Kernspaltung keinen abbekommen, weil sie ihre Erkenntnisse Otto Hahn anvertraut hatte.

„Oma ist wie ich evangelisch!“ Schimpfte ich, auf dieses Thema angesprochen trotzig, aber erfolglos.

 

Ab da hatte ich ein schlechtes Gewissen wenn ich diese kleinen Kracher anzündete, die es nur zwischen Weihnachten und Silvester für 30 Pfennige gab. Oma Anna hasste sie. Es war einer geflochten Kette von Chinakrachern die Glück bringen soll, wenn man Chinese war und sie auf einmal anzündete.

Diese Chinakracher wurden von uns Hedelberscher Neckarschlemer aus „Kostengründen“ und weil sie in unsere selbst gebastelten kleine Kanonen passten, gerne einzeln gezündet. Als Mutprobe sogar zwischen den Fingern.

Bekommen konnte man diese Chinakracher leicht bei der Spielwarenfirma TROST in Heidelberg an der Ecke Brückenstrasse/Brückenkopfstrasse. Aber auch eine saftige Ohrfeige, wenn man zur Frau Trost unvorsichtig auf Hedelbergerrisch sagte:

„I hätt gern ferr 30 Penning Judeferz!“

 

So kam es

dann eines traurigen Tages, neugierig auf das andere Leben geworden, dass wir beide unsere kleine Insel auf unserer geliebten Pfützenstraße in verschiedene Richtungen verließen.

Unsere glückliche Zeit in unserer kleinen Straße ging unaufhaltsam zu Ende und von nun an hatte ich nur noch mein schnelles Rad. Es hatte Kettenschaltung und einen Rennlenker. Mit ihm jagte ich den Berg hinauf und hinab. Am schönsten war es wenn ich den Linienbus überholen konnte und der Busfahrer hinter mir einen schweren Hupanfall bekam.

Rudi Altig fiel ich auf und bekam die Einladung in seinem Stall mit zu fahren, aber der kleine DM-Beitrag dazu wurde von seiner Mutter mit „wo zu?“ quittiert. Aber ein Klavier musste her, auch wenn es keiner spielen konnte, es passte doch so gut zum Lüster mit dem vielen Fliegenschissen und ihrem ewig abgespreizten kleinen Vornehmfinger.

 

In der Volksschule war ich nun der Schlechteste. Wie ich mich auch bemühte, ich schrieb unter dem physischen Stress zu Hause lauter Fünfer und Sechser. Oh, wie hasste ich den Gang zur Schule, vor allem das Diktatschreiben. War ich doch in meiner ersten Klasse in Eberbach vom bösen Händchen zum guten Händchen durch Tatzen, einem schmerzhaften Schlag mit dem Rohrstock auf die linke Handinnenfläche durch einen ehrenwerten Pädagogen aus NS-Beständen zum Rechtshänder und gutem Deutschen erzogen worden. Dazu kam eine Lese und Rechtschreibschwäche, auch Faulheit genannt.

Legasthenie ist ein Genetischer Defekt, den 5% aller Menschen haben können und hat nichts mit Faulheit, oder Dummheit zu tun!

Es gab in Heidelberg auch gute Lehrer. Lehrer Dominik, dem ein Russen-MG zehn Einschüsse in seinen Körper verpasste hatte, die er (nicht alle) beim vorturnen uns stolz präsentierte und den gute Direktor Pringsauf.

G'tt hab sie selig, unsere Retter!

Retter unserer, auch durch Lehrermangel und Stundenausfall völlig verwahrlosten Klasse! Die Amis hatten die Schulgebäude okkupiert und so gab es nur wenige Gymnasium Plätze für die besseren Schüler und damit auch keiner durch "alte Beziehungen" zu einem Platz kam, wurden die Aufnahme nicht nur durch die Noten alleine bestimm, nein sie wurde richtig per Los ausgelost!

 

Café Schafheutle in Heidelberg

Das kleine Haus von Oma wurde 1959 für einen „Appel und ein Ei“ an einen Prokuristen eines freundlichen Möbelkaufhauses vertickt und das Geld unter Omas raffgierigen Kinder verteilt.

Mein Anteil: Eine sterbends langweilige Lehre in dieser Firma, ich hätte da viel mit Holz zu tun, log man mich an. Ich war technisch sehr begabt, durfte das aber nicht lernen, w.g. den schmutzigen Fingernägeln. Doch sie hatte mit Holz zutun, aber Möbelfertiges! Bekam in Heidelberg einen Lehrvertrag bei einer Firma die „Heidelberg“ Druckmaschinen herstellte. Meine Mutter musste ihn nur unterscheiben, doch sie zerriss in einfach. Kreischte etwas von schwarzen Fingernägeln und Blauem Anton!

Also fuhr ich mit dem „Oh Ewigen Gewackel, der OEG, (Oberrheinische Einbahngesellschaft für die nicht Kurpfälzer)“ zu dieser aufgezwungenen Ödnis-Lehre nach Mannheim.

Meine Mutter kaufte sich von dem Wilhelmsfeldgeld einen Persianermantel. Setzte sich ins Café Schafheutle, spreizte beim Anheben der Kaffeetasse ihren kleinen Finger, achtete dabei besonders auf die wenigen männlichen Zuschauer und fand sich dabei ungeheuer vornehm. Demütigte und schikanierte aus purer Lust und lautstark vor allen Gästen mich, ihren Zuvielius (Filius).

Eine darüber aufgebrachte Verkäuferin einmal an ihrer Tortentheke:

„Bub, warum lässt du dir das alles nur gefallen?“

Kippte eines schönen Tages vor lauter hochwohlgeboren mit dem Stuhl plötzlich rückwärts und fiel kreischend, wie in einer Slapstick-Komödie, sich an der Tischdecke halt suchend mit samt Prinzregententorte und Cafékanne, (bitte jetzt den abgespreizten kleinen Finger nicht vergessen,) vor allen Leuten mit samt hochtoupiertem Haarteil in das Wasser des Zierbrunnen dieses beschaulich vornehmen Gartens des Cafés Schafheutle.

Genau nach ihrem Lieblingsmotte: "Nach mir die Sintflut!" 

Oh war das schön! – Loriot wäre begeistert gewesen!

Wie, ob da jemand ein bissen nachgeholfen hat? Ich finde, es muss auch mal Geheimnisse geben!

 

Das kleine SW-Photo

Ein kleines SW-Foto von Helga blieb mir. Ich hatte es selbst mit der Voigtländer Kamera meines gestorbenen zwei Tonne Problems in den letzten Tagen in der kleinen Straße von ihr aufgenommen.

Ach, sie war so schön auf diesem Photo. Sie trug wie immer die Ponyfrisur mit dem Pferdeschwanz. Dazu ein schwarzer Pulli mit V-Ausschnitt, Röhrenhosen mit Längsstreifen und saß für mich, nach einem kleinen Widerstand, auf dem Geländer vor dem Bungalow der Gutbrod's lächelnd Model.

Ihre stechenden blauen Augen unter den buschigen dunklen Augenbrauen passten nicht wirklich zu ihrem Wesen. Schienen von irgendwo her zu kommen, spiegelten aber nicht ihre Seele wieder. Es schien, als wollten ihre Augen ein eher/hoffendlich unwahrscheinliches Vater-Geheimnis einer längst versunkenen Zeit preisgeben. Sie begann darunter zu leiden...

Ihr Lieblingslied in dieser Zeit war "Que sera sera." Von Doris Day im Radio geträllert.

Als ich noch ein kleines Mädchen war,

Da fragte ich meine Mutter, wie alles später sein würde.

Ob ich hübsch wäre, oder vielleicht auch reich.

Sie sagte zu mir:

Was wird sein?

Was kommen wird, wird kommen.

In die Zukunft zu schauen, ist nicht unsere Sache.

Was wird sein?

Was sein wird, wird sein?

Als ich größer wurde und verliebt war,

Fragte ich meinen Schatz, was vor uns stünde.

Ob wir Glück haben würden, Tag für Tag.

Und das ist es was mein Schatz sagte:

Was wird sein?

Was kommen wird, wird kommen.

In die Zukunft zu schauen, ist nicht unsere Sache.

Was wird sein?

Was sein wird, wird sein.

 

Ich liebte dieses Bild und wohin ich auch ging, das Photo begleitete mich. Die Zeit legte sanft einen Schleier über meine schönen Erinnerungen an sie und das Photo, so sorgsam ich es auch behandelte, es bekam Risse.

Es überlebte die Hosentaschen zwar noch eine Weile, doch eines Tages zerfiel es in tausend kleine Stücke und so stellte ich mir vor, die kleinen Stücke sind zu Sternen geworden und so brauchte ich nur abends zum Himmel zu schauen um sie in meinen Träumen zu sehen – und wenn ich einmal...

Aber es kommt meist anders als man denkt, auch „das mit dem Reich werden.“ Ein richtiger Beruf musste erst einmal gelernt werden. Aber Beruf kommt von Berufung und ich wurde ja erst gar nicht dazu gefragt. So vergeht Zeit. Lernt neues, z.B. Photographie. Lernt Menschen kennen und eines Augenblickes begegnete ich Hanna. Ihr erinnert euch, die Geschichte mit dem Gutenachtonkel und den Kinder, die nach Chile fuhren! - Eure liebe Mutter!

 

1969

Eines Tages fuhr ich mit Hanna in die kleine Straße wo ich mit Helga einst spielte. Parkte meinen 2 CV, dem ich den Namen Karlchen gab, vor dem ehemaligen Haus, wo Oma einst gelebt hatte und nun schon lange tot war. Erzählte von den Pfützen und nach langer Pause, von Helga.

Die verschollenen Erinnerungen an diese längs vergangenen schönen Wochenenden in Wilhelmfeld und den Ferienzeiten mit den vielen Bratkartoffeln bei Oma langsam kamen zurück.

Meine zukünftige Frau, also Hanna, hörte mir zu, nahm mich in den Arm und ging mit mir die kleine Straße hoch und als wir an dem Haus von Helga angekommen waren, schauten wir gemeinsam zur verglasten Veranda hoch.

„Klingel  doch einfach mal!“ war ihr Rat, „Vielleicht erfährt du wie es ihr ergangen ist.“

 

Das Zeichen Fermate

Ich schaute eine Weile auf die Türe, erkannte das über der Türe in den Stein gehauen Zeichnen Fermate  (Ital. anhalten), der Ruhepause in der Musik wieder. Ach ja, ihre Oma war ja Pianistin, fiel mir ein und eine Wagner. Der Name ihrer Mutter stand immer noch auf dem Klingelschild.

Einmal, so erinnerte ich mich jetzt, war ich in diesem Haus. Helga hatte Geburtstag und eine Melodie fiel ihm wieder ein, von einem vergessenen Rock Song der immer schneller gespielt und gesungen wurde. Helga spielte mir auf dem Plattendreher ihrer Oma, die im Hause unten wohnte, diesen Song immer wieder vor, - bis ihre Mutter von oben rief:

„H...................!“ - Oh die armen Spatzen!

Die Gartentüre hatte immer noch den Schürhackenverschluss. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Nein ich klingelte nicht. Fühlte, dass ich dazu noch etwas Zeit brauchte. Aber vergessen konnte ich  Helga von nun an nicht mehr und schon gar nicht, die wunderschöne Zeit mit ihr.

 

1980

Später, Hanna & ich waren inzwischen weit weggezogen. Fuhr ich auf der Suche nach dem Sonnenstrahl der Zeit immer wieder zurück in die kleine Straße. Vor dem ehemaligen Haus meiner Oma blieb ich stehen. Viel hatte sich verändert, die kleine Straße kam mir bedrückend eng vor und viele Autos parkten darauf. Die Gemeinde hatte sie geteert und es gab nun keine Pfützen mehr, die man kunstvoll mit Kanälen verbinden konnte.

Ferdinand de Lesseps 1805-1894 wäre stolz auf mich, seinen Schüler Lothar gewesen.

Omas Haus schaute mich leer durch seine vorhanglosen Fenster an. Die Bäume im Garten die ich noch selbst mitgepflanzt hatte waren mächtig gewachsen, aber erkannten mich nicht mehr. Die drei Birken auf der rechten Seite des Häuschens waren gefällt.

Stark gewachsen waren auch die Tannen im Garten von Helgas Nachbarn und sie versperrten mir jetzt die Sicht auf Helgas Haus. Damals konnte ich von hier aus mühelos zu Helgas Haus schauen und auf sie warten. Der Weidenbusch, in dem wir als Kinder träumten, war nicht mehr da. Man hatte einfach ein Haus darauf gestellt. Die Felder, auf denen wir Kartoffelkäfer Made in DDR, so die BRD Propaganda damals ernsthaft, fingen, waren mit Betonvillen von Neureichen aus der Großstadt verbaut.

Nachdenklich fuhr ich mit dem Auto das kleine Stück zu Helgas Haus hoch, es war wie immer, aber ohne Leben, ein Fenster war zerbrochen. Neugierig klingelte ich, aber so sehr ich mich bemühte, niemand öffnete mir und so blieb ich mit meinen Fragen allein.

 

Noch nicht einmal die geliebte Blumenwiese über dem Weg vor Helgas Haus hatte man blühen lassen! Nein, es standen nun fette Villen darauf.

So fragte ich Nachbarn, aber auch sie konnten nicht weiterhelfen. Es begann zu regnen und ich setzte mich nachdenklich in mein Auto, beugte mich über das Lenkrad, so dass ich zur verglasten Veranda hoch schauen konnte wo ich Helga zu letzten Mal gesehen hatte. Oder stand sie damals vor mir auf der Gartenmauer?  Ich wusste es in diesem Augenblick nicht mehr. Mir war als müsste sie jeden Moment wieder dort erscheinen, aber sie erschien nicht und die Fenster blieben abweisend kalt und leer.

 

Ärgerte mich, als ich sie damals zufällig dort noch einmal sah, dass ich ihr nicht richtig zuhörte hatte, denn mein Herz war plötzlich verstockt. Meinen Blick durch ihre Schönheit geblendet, ihre blauen Augen kalt. Sicher hatte sie gesagt wo sie hinging. Aber vielleicht nicht das von mir ersehnte: „Kommst du mit mir?“

Sicherlich nannte sie einen Namen, den fremden Namen einer fernen Insel, auf der sie nun mit Freunden ein bisschen mehr Harmonie und Frieden zu finden hoffte.

Ich fühlte, dass kein Platz für mich war und es war mir, als hätte sie beim Abschied geweint.

Oder war es etwa ich? Oder vielleicht wir beide?

 

Nein, so ist diese Geschichte etwas ungenau erzählt!

Ich stand 1967 nach der Bundeswehrzeit in Heidelberg hinter einer großen, offenen Glastüre und Helgas Oma erkannte mich in diesem Radiogeschäft, wo ich als Verkäufer arbeite. Die betrat forsch das Geschäft und ging auf mich zu.

„Herr Lothar, ich hätte gern ein paar Batterien!“

Ich fragte höflich: „welche?“, denn ich wollte ihr nichts Falsches mitgeben.

„Egal, liefern sie diese Batterien auch persönlich aus?“ herrische sie und

„Ach das machen sie ja doch nicht!“ Ergriff irgendwelche Batterien und sagte:

„Lothar, wenn sie Helga noch einmal sehen wollen, dann kommen sie, denn sie ist nur noch an diesem Wochenende in Wilhelmsfeld. – Ich weiß, sie freut sich auf sie!“

 

Natürlich fuhr ich an diesem Sonntag mit meinem alten DKW Tucke nach Wilhelmsfeld und parkte das zweitackt Töff-Töff vor ihrem Haus. Als Helga mich bemerkte, stürzte sie die Treppen herunter und stand aufgeregt mit ihrem blauen Kleidchen vor mir auf der Gartenmauer und erzählte, was sie nach der „dummen Party“ damals in Mannheim 1964 und in Wien so erlebt hatte und was sie nun geplant hatte.

Doch meine Mutter saß im Auto. Leider, denn ich musste sie regelmäßig am Wochenende mit Spazierfahren bespaßen. Da war kein Platz für einen Freundin! Andernfalls spielte sie den berüchtigten "sterbenden Schwan."

Kreischte ungeduldig in ihrem hysterischen Grundton: „Wir wollen doch Essen gehen!“ Und nach einer kurzen Pause hässlich: „Nimm sie doch mit!“

Darauf verstummte natürlich unser Gespräch und Helga sagte nicht: „Kommst du mit?“ Aber sie sagte: „Schreib mir doch auf die Insel, dein Brief wird sicher ankommen!“ – Ich habe nicht geschrieben. (Erst 1984).

 

Dumm war diese Party 1964 in Mannheim wirklich nicht, wir trafen uns zufällig in einem Heidelberger Kaufhaus mit dem H... wo sie Pixy Fotos machte.

Nein ich war der Esel und steckte in der Uniform eines Luftwaffensoldaten. Erfuhr von ihr auf der Party, dass sie geheiratet hatte und diese Ehe unglücklich verlief. „Lothar, komme bitte wieder!“ Hauchte sie zärtlich mit ihrer  sanften Stimme und schaute mich an, so wie damals, als die Sternschnuppen am Himmel über uns auf der Blumenwiese verglühten, damit wir uns schnell etwas wünschen konnten.

Doch ich antwortete ihr, tief in meiner männlichen Eitelkeit gekränkt und von Gin Fizz stark benebelt, militärisch hart mit einem: „NEIN!“  Brach so meiner geliebten Elfe die Flügel und das verzeihen einem Elfen nie! – Ach hätte sie/ich nur etwas anders gesagt!

 

The Blues 1983

Der Regen klatschte heftig an die Windschutzscheibe meines Kleinbusses und im Radio spielten die Stones: „I Got the Blues.“

Schaute noch einmal zu der leeren Veranda hoch und startete meinen Diesel.

Meine geduldig zuhörenden Töchter schauen mich an und nehmen meine Hand.

„Komm Papa wir gehen zu diesem Meer, ganz dicht zu den Wellen und rufen laut nach ihr.“

„Kinder, sie wird uns nicht hören.“

„Papa, wenn nicht, dann fragen wir einfach alle Fische!“

„Ja, das machen wir!“

 

 

Helga

1984 fand ich Helga mit Hilfe ihrer Mutter auf einer fernen Insel. Schrieb ihr. Besuchte sie 1988 mit einem Velo Solex, logistisch unterstützt durch Hanna und brachte ihr ein kleines Stofftier, das Pony mit.

Trennte mich von meinem lieb gewordenen Begleiter auf dieser langen, oft einsamen Velo Solex Reise quer durch France für ein ganzes Jahr. Bekam das Pony zurück und eine Jahr später ging es wieder zu ihr.

Ab 1992 verloren sich unsere Briefe, - das Pony kam traurig zurück.

Denn wir fanden unser "Nimmerland" nicht mehr.

 

Oma Anna Katharina Thiebold, geb. Kauer

konnte das „Tausendjährige Reich“, so sie tatsächlich etwas mit dem Judentum zutun hatte, nur dank einer guten Fälschung unentdeckt überleben. Ihr Schwiegersohn, mein Onkel mit dem Chevrolet, dem alten NS-Lagerfeuer-Germanenlied, dass nur eine bestimmte Elite singen durfte und danach verschämt eine kleine Narbe an der Innenseite des linken Oberarms trug, hatte ab 1933 in Berlin ein Groß-Arier-Nachweis-Problem bis 1720 zurück. Denn er ehelichte 1933 in Berlin die älteste Tochter von Oma Anna.

Also wurden vielleicht, so es tatsächlich nötig gewesen ist, von seinem Vater der die Macht und die Selbstherrlichkeit damals dazu hatte, alle Daten von Oma und ihren Eltern auf „protestantisch“ arisiert.

Ein, in hohen reinrassisch arischen Kreisen damals übliches Verfahren, mit denen eingeschlichene „jüdische Schandflecke“ so gut wie möglich ausgemerzt wurden.

Eine letzen Wunsch erfüllte man ihr doch, denn sie wollte kein christliches Kreuz auf ihrem Grabstein. Dafür kratzte man ihr ein PX darauf.

"...es is halt wesche de Leut!"

 

Das Pfützen-Geheimnis

Ich finde der Namen der kleinen Straße sollte ein Geheimnis bleiben, aber da diese Geschichte nur ein wahres „Lügenmärchen“ ist, will ich mal eine Ausnahme machen und gebe ihr einen puren Fantasienamen:

Angelhofweg

und Helgas Haus stand/steht an der Ecke zum Erlenbrunnenweg.

 

Epilog

 

The Rolling Stones spielten:

I Got The Blues (Ich habe den Blues)


As I stand by your flame (Du bist eine Flamme)       

I get burned once again (Und ich habe mich wieder verbrannt)

Feeling low down and blue (Fühl mich traurig und elend)

As I sit by the fire (Du bist ein Feuer)

Of your warm desire (Von warmem Verlangen)

I’ve got the blues for you yeah (Wegen dir hab ich den Blues, yeah)           

Every night you’ve been away (Jede Nacht wenn du fort bist)

I’ve sat down and I’ve prayed (Lieg ich da und hoffe)

That you’re safe in the arms of a guy (Dass du gut aufgehoben bist bei William)

Who will bring you alive (Der dich zu Leben bringt)

Won’t drag you down with abuse (Und dich nicht ausnutzt)

In the silk sheet of time (In den Seitenlaken der Zeit)

I will find peace of mind (Finde ich meine Ruh)

Love is a bed full of Blues (Liebe ist ein Bett voll Tränen)

And I’ve got the blues for you (Und wegen dir habe ich den Blues)

And I’ve got burned up (Und ich hab mich verbrannt)

And I’ll tear my hair out (Und ich rauf mir die Haare)

I’m gonna tear my hair out just for you (Ich rauf mir die Haare aus nur wegen dir)

If you don’t believe what I’m saying (Und wenn du nicht glaubst was ich sag;)

At three o-clock in the morning baby (Um drei Uhr morgens, Helga,)

I’m singing my song for you (Singe ich dies Lied für dich)


„Alles kommt vom Himmel“ sagen die wirklichen Weisen und „gegen das Böse kann man kämpfen! Aber gegen die erste große Liebe nicht, denn sie ist ein bashert (Jiddisch Schicksal) und, wie es auch ausgeht, von G'tt bestimmt!“

Aber wie erkennt man eine gute Religion? An ihrer Glaubwürdigkeit und der Kraft dieses Wissen nicht zu missionieren, sondern das Wort in Frieden den Menschen als Vorbild zu leben! - Also: "Schema Israel...!" 

Nur so kommt es wirklich vom Himmel! Den der EWIGE sagt:

 "Ich kehre nach Zion zurück und wohne in Jerusalem, Jerusalem wird die Stadt der Wahrheit genannt und der Berg des Ewigen Zebaoth zum heiligen Berg..."

 

P. S.: Sollte jemand einen orthographischen Fehler finden, so möchte er diesen als Souvenir im Gedenken an die sich nicht erfüllende erste große Liebe behalten.

Die hässliche Hirschgeweihlampe hängt heute ohne tote Mücken in Berlin. - Passt irgendwie zu dieser Stadt.

© 1987 - 2016 Lothar Bladt Berlin.

 

ANMERKUNG ZU PETER PAN: Peter Pan ist das Kind, das niemals erwachsen wird und auf einer fiktiven Insel, Neverland, lebt. An diesem Ort bleiben die Kinder Kinder, die Insel steht für ewige Kindheit und Unsterblichkeit. Das Voranschreiten der Zeit wird verleugnet, ebenso wenig gibt es Sexualität. Vordergründig führt dies zu einem paradiesischen Zustand völliger Freiheit… Die verleugneten Triebwünsche und verlorenen Objekte kehren jedoch in bizarrer Form zurück: Captain Hook erscheint als Zerrbild des phallischen Vaters… Parallel dazu ist das Krokodil das Zerrbild einer verschlingenden Mutter…“

– Michael Günter: Scham und Sexualität in der Adoleszenz[5]


Der Schotte Sir James Matthew Barrie erdachte 1904 diesen Kinder-Roman