Lothars wahre Lügengeschichten

Sie sind hier:  Startseite > Geschichten > La Marseillaise

La Marseillaise oder der Sturm auf den Pastis.

Stechende Schwaden von Fischgestank zogen vom Hafen durch die finsteren Gassen der Altstadt von Marseille den Hügel hoch und mischten sich mit den Gerüchen der allgegenwärtigen Bouillabaisse (köcheln der Fischsuppe). Doch der Hafen brachte auch etwas Arbeit für das tägliche Überleben und von weit her ein Anisgewürz; aus diesem destillierte ein bärtiger Sonderling mit Hut in einem dunklen Cave einen köstlichen Likör und nannte in „Pastis". In den verräucherten Hafenbistros, in denen auch mal Matrosen „shanghait" wurden, war der „Pastis" bald nicht mehr wegzudenken.

„Vive la France, vive le Pastis, vive la liberté",

schwoll es aus allen Ritzen und bizarren Winkeln, aus denen sich jetzt eine Aniswolke über die Altstadt legte und den Fischgestank gnädig linderte. - Je später die Stunde, desto fröhlicher die Texte ihrer Trinklieder:

„Allons enfants de la Patrie,
Auf, Kinder des Vaterlands,
le jour de gloire est arrivé
der Tag des Ruhms ist da
Contre nous de la tyrannie...!
Wir gegen die Tyrannei...!

Doch wichtiger war die heiß erwartete: „Fête boules de pétanque" am kommenden Sonntag. Ein großes Fass mit „Pastis" war selbstverständlich als Gewinn ausgelobt. Nur, es gab da ein Grand malheur: der neue Maire (Bürgermeister) von Königsgnaden, ein Bourgeois (Spießer), verbot das Boule spielen mit den gebräuchlichen, zufällig aus dem Meer gefischten, meist immer noch Sprengstoff gefüllten, eisernen Kanonenkugeln. Diese rissen hin und wieder große Krater in das so liebevoll geebnete Spielfeld.
Also wartete man bei Pastis und selbstgedrehten Zigaretten auf die erwartete Lieferung von neuartigen Boule-Kugeln der Firma OBUT (MADE IN FRANCE) mit Gravure d'identification! - Sprengstofffrei!

Dann kam auch noch per Bote aus Paris die Nachricht, daß fortan der Anislikör dem Roi soleil de la réserve  zur „Jagd" vorbehalten war. Denn ein paar Tropfen genügten und die königlichen Läuse ergriffen die Évasion (Flucht)! So konnte Roi Louis XVI weiter seine Fingerspitzen graziell in die Rosenwasserschalen und seine Erzherzogin von Österreich Kuchen in den Champagner stippen. Als dann der verängstigte Bote vor den rauen Fäusten der Aufgebrachten auf seinem Cheval (Gaul) floh, übersah er ein paar Pêcheurs (Fischer), die gerade eine Partie de boule um die nächste Kneipenrunde spielten. Der Huf des scheuenden Pferdes verrückte dabei ein paar Zentimeter das kleine, hölzerne „Schweinchen" in seinem Abstand zu den geworfenen Kugeln.

Mon Dieu, welch eine Catastrophe!

Der Aufschrei, Mer... den ich hier leider zensieren muss, sollte die Geschichte der „Grande nation" erschüttern und nachhaltig verändern, denn aus zornigen Mündern erscholl:

„Zittert, Tyrannen, Ihr Niederträchtigen.
Ihr habt eine Partie de boules geschändet.
Zittert! Ihr Verruchten!
Werden es Euch heimzahlen...!"

Was nun geschah, ging in die Weltgeschichte ein: zum allerersten mal musste die „Fête des boules de pétanque" in Marseille am 14. Juli 1792 abgesagt werden! - Incroyable! (Unglaublich)! Danach gab es für die aufgebrachten Süd-Franzosen kein Halten mehr. Der Frevel war zu extraordinaire (außerordentlich)! Und so geschah es, dass am 30. Juli 1792 in Paris die „Marseillaise" zum ersten Mal aus den Kehlen der einmarschierenden Marseillais erscholl. Sie warfen ihre mitgebrachten Boules de canon „attention explosif" auf geheiß von Marie, einer Pariser Wäscherin, gegen die Mauern der verhassten Bastille (festes Schloss), bis sie fiel.

Merke: Das war die erste Partie de boules in Paris und sie hatte durchaus etwas befreiendes.

Das ihnen konfiszierte Fass mit Anislikör hatten sie vor Paris in einem Château (Schloss) wiedergefunden und es erfüllte sie mit Patriotismus à la française, immer noch, immer wieder, - bis auf den heutigen Tag:

„ÉGALITÉ + FRATERNITÉ = LIBERTÉ!"

In den heutigen France-Schulbüchern, die ja ihre Kinder „Allons enfans de la Patrie...!" lesen, schrieb man die Geschichte aus naheliegenden, pädagogischen Gründen etwas um.

Aber was macht es heute schon; ob Sturm auf die Bastille - oder auf die Bouteille Pastis? Hauptsache, dass Wetter ist geeignet an der „ Fête nationale", dem 14. Juli, eine gemütliche Partie Boule zu spielen und, naturellement, kann man als Plaisanterie, wie üblich, den Mädchen Pétards (Knallfrösche ) unter die Röcke werfen.

Vive Marie! Vive la France!

 

© 2003-2016 Lothar Bladt Berlin