Lothars wahre Lügengeschichten

Sie sind hier:  Startseite > Geschichten > Der Händsema Leeb

„Der Händsema Leeb“

Neinemerich oder zu Deutsch:

Der Handschuhsheimer Löwe, ein Kettenschlepper auf dem Neckar“

Heidelberg-Neuenheim im Mai 1878. Durch die engen Gassen eilen atemlos, von infernalischem Gebrüll getrieben, Bewohner aus dem Nachbardorf Handschuhsheim um Hilfe rufend nach Hause;

"Der Leeb is los, der Löwe ist ausgebrochen!"

Auch andere Bürger des kleinen Ortsteils nördlich von Heidelberg haben das von Ferne drohende Brüllen und Rasseln gehört und beherzt zu Dreschflegeln, Äxten und Mistgabeln gegriffen.

Eine mannhafte Bürgerwehr machte sich auf den Weg, den aus einer Mannheimer Menagerie entflohenen Löwen zu fangen. Weit kommen sie nicht. Mutige Neuenheimer halten die Verwegenen auf, führen sie zum Neckarufer und zeigen ihnen die vermeintlich ausgebrochene Bestie:

Den ersten dampfgetriebenen, aus zwei Schornsteinen qualmenden eisernen Kettenschlepper.

Er ist mit neun Lastkähnen im Schlepp auf dem Weg von Mannheim flussaufwärts nach Heilbronn. So oder so ähnlich erzählen sich heute die Neckaranwohner spöttisch die Geschichte vom

 "Händsema Leeb".

Mensch, Pferd und Maschine

Frankreich im Jahre 1732. Der in französischen Diensten stehende Marschall Herzog Moritz von Sachsen, bringt einem Lastkahn auf dem Rhein in der Nähe von Straßburg erstmals bei, sich selbst an einem Seil den Fluss hinauf zu ziehen. Ob der damals 12-jährige Baron von Münchhausen, sich durch dieses Ereignis zu seiner berühmten Lügengeschichte inspirieren ließ, in der er sich mitsamt Pferd an den Haaren aus dem Schlamm zieht, ist unbekannt. Bekannt ist aber der Antrieb den Marschall Moritz von Sachsen nutzte:

 menschliche Muskelkraft.

 Auf dem Schiff waren zwei liegende Rollen montiert, über die ein weiter flussaufwärts befestigtes langes Seil gewickelt wurde. Mehreren Männern, die sich dabei mächtig an den Hebel ins Zeug legen mussten, bewegten das Schiff mit seiner Last gegen die Strömung "zu Berg". 1820 wurden die Männer durch zwei Pferde ersetzt. Zwei Jahre später trat eine Stahlkette an Stelle des Seils und eine Dampfmaschine an die der Pferde.


Rund 30 Jahre darauf, 1855, erteilte Napoleon III. die Konzession zur Gründung der "Compagnie de Touage de la Basse-Seine et de l'Oise" für den Schleppbetrieb auf der unteren Seine. Die Schleppmethode bewährte sich schnell auf dem französischen Teil des Rheins, Rhône, Saône und der Seine bei Paris. Kein Wunder, war es doch nun möglich, einen wilden, nicht kanalisierten Fluss mechanisch für den Transport zu nutzen. 1866 begannen erste Versuche außerhalb Frankreichs auf der Elbe von Hamburg nach Magdeburg und brachten den dortigen Güterverkehr gewaltig in Schwung. In diesem Jahr entwickelte der Franzose Marcel Dietz in Bordeaux auch den Grundtyp aller zukünftigen Kettenschlepper, französisch "touour".

Der Neckar, die Nachenfähre "Udo" und Kapitän Helm.

1878 wurde der damals wildeste Fluss Deutschlands, der Neckar, an die Kette gelegt. Sie war 114 Kilometer lang und wog 1.720 Tonnen. Jedes der rund eine Million handgeschmiedeten Glieder hatte die Größe von 110 x 70 mm und war 26 mm stark. Alle 300 bis 500 Meter ließ sich die Kette durch einen Doppelschäkel lösen.

 Hergestellt wurden Teile dieser gewaltigen Kette in England 70 km), Frankreich (35 km) und Deutschland (7,5 km).

 2000 Meter kamen gebraucht von der Oberelbe. Gesamtkosten damals mit Verlegung:

 592.000 Mark.

 Bei normaler Nutzung hielt sie zehn bis sechzehn Jahre.

Lindach am Neckar im Jahre 2002.

Nur noch selten bringt die betagte Personenfähre "Udo" tuckernd Wanderer über den Neckar. An der Ruderpinne sitzt mit seinen 89 Jahren der Rentner Karl-Eugen Helm, die Schiffermütze trotzig in die Stirn gezogen. Sein selbst gefertigter Gehstock ähnelt bedrohlich einem Enterhaken. Doch mit einem Lächeln lädt er zum Verweilen ein und erzählt:

 "Neckar, dass kommt von necken, dem Necker. Der Neckar ist ein Fluss mit Überraschungen."

 Sein Blick richtet sich auf das braune Wasser und "nikra", das keltische Wort für, "heftiges, böses Wasser" bekommt plötzlich eine ganz konkrete Bedeutung. Nomen est omen.

 "Mein Vater war der letzte Pferdetreitler von Lindach nach Zwingenberg. Ein schweres Geschäft für Mensch und Tier, vor allem im Winter. Da musste meist vor den Flussschleifen die Zugseite gewechselt werden, um die Rinne mit dem tiefen Wasser für die beladenen Lastkähne zu finden. Pferd und Reiter mussten dann den eiskalten Fluss durchwaten."

Fast böse blickt er auf die Bahnlinie, die sich am Ufer des windenden Flusses entlang schlängelt.

 "1879 wurde die Eisenbahn, die Wohlstand ins Neckartal bringen sollte, in Betrieb genommen. Sie wurde sehr bald zum Ruin der Treidelwirtschaft. Nicht nur Karl-Eugen Helms Vater nahm sie das tägliche Brot für die Familie. So sicherte der Kettenschlepper das Überleben der alten Pferdetreidler und den Lastentransport auf dem Neckar.

1935 endete die Kettenschifffahrt. Elf Wehre und Schleusen hatten den Neckar aufgestaut und gezähmt; moderne schraubengetriebene Schlepper und Kähne konnten ihn nun problemlos und schnell befahren. Karl-Eugen Helm hat nie auf solch einem Schlepper gearbeitet. "Ich ging zum Arbeiten nach Eberbach in den Steinbruch. Viele Kirchen und Kathedralen wurden mit dessen Sandstein gebaut. Schon die alten Römer haben sich hier Baumaterial geholt und mit Flößen den Neckar runter gebracht."

Seine Augen beginnen zu lachen: "Im Sommer haben wir immer im Neckar gebadet. Das Wasser war sauber, und mit der Kette trieben wir so manchen Schabernack. Wenn wir bei Niedrigwasser genügend Jungs waren, tauchten wir im Kettengraben nach der Kette, hoben sie an und zogen sie mit Leibeskräften stramm. Dann durfte einer auf ihr Handstand machen. Bei mir zu Haus im Wohnzimmer hängen noch vier Kettenglieder."

Die anderen 999.996 Kettenglieder sind für Hitlers Kriegmaschine eingeschmolzen worden. Selbst die benachbarten Heimatmuseen besitzen keine.

Doch zurück zu Karl-Eugen Helm und seinen Schleppern:

"Einfach war diese Art von Schifffahrt nicht, aber auf dem wilden, unkanalisierten Neckar mit seinen zahlreichen Untiefen und Stromschnellen, war der Kettenschlepper damals die einzige Möglichkeit des Frachttransports. Sie ersparte den Pferden so manche Not - und gab uns Brot.

"Und wie war das, wenn sich zwei Schlepper auf dem Fluss begegneten“?

"Das war ein kompliziertes Manöver, die hingen ja an ein und derselben Kette! Der "enkelnde" Schlepper, d.h. der zu Tal fahrende ohne Kähne, musste an bestimmten Stellen auf den zu Berg fahrenden mit seinen bis zu zehn Lastkähnen warten. Der machte sich dann mit dreimaligem, lauten Gefleit - so eine Art Hupen - bemerkbar. In Eberbach gab es zum Beispiel so einen "Rangierbahnhof" mit Doppelschäckel. Der zu Tal fahrende Schlepper konnte von der Kette abgetrennt werden. Das Ketten-Umspann-Manöver war Schwerstarbeit und dauerte bis zu einer Stunde und dann ging es mit Gerassel weiter."

Mit der Autofähre auf die andere Flussseite

Sollten Sie mal einen Ausflug auf der Burgenstrasse durch das Neckartal von Bad Wimpfen zum Rittermahl in Richtung Burg Hornberg machen, dann benutzen Sie die Fähre in Haßmersheim. Vor mehr als 1500 Jahren bauten die Römer hier schon Wein an, Ritter Götz von Berlichingen schwang seine Eiserne Faust, und von Haßmersheim aus wagte Friedrich Heuss, ein Vorfahre von Bundespräsident Theodor Heuss, 1840 als Erster mit einem Neckarschiff eine Fahrt bis in die Niederlande.

Mit einem freundlichen Winken starten Fährmann Georg Kübler auf der anderen Uferseite den Elektromotor (20 kW) der aus dem Jahre 1936 stammende Autofähre. Achten Sie jetzt bitte auf das Rattern des Antriebs. Das Geräusch stammt von einer 120 Meter langen Kette, die an beiden Flussufern befestigt ist und nach dem alten Kettenschlepperprinzip über zwei liegende Trommeln durch den metallenen Schiffsrumpf läuft. Vielleicht werden Sie sogar vom Fährmann Georg Kübler gefragt: "Haben Sie etwas Zeit? Ich müsste das Getriebe fetten und dazu brauche ich jemanden, der mir hilft, den Deckel des Kettengetriebes aufzuheben..."

Vielleicht nimmt er Sie dann als Dankeschön "fer umme" mit - also umsonst. Jedenfalls haben Sie dann das "Herz" des "Handschuhsheimer Löwen" gesehen. Und die Kette, an der er sich schon mal zum Schrecken der Mannschaft los reißen konnte.

Die Neckarkanalisierung

Fragt man die Neckaranwohner, wer den Rhein begradigt und so für die moderne schraubengetriebene Schifffahrt nutzbar gemacht hat, so schallt es wie im Chor:

 "Tulla!"

Gemeint ist der badische Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla, unterdessen Leitung die Rheinbegradigung 1817 begonnen wurde und die 1876 abgeschlossen war. Fragt man jedoch, wer den Neckar aufgestaut, gezähmt und so für die Handelschifffahrt wirtschaftlich erschlossen hat, so erntet man in der Regel nur hilfloses Achselzucken.

Im Hafengebiet Stuttgart-Hedelfingen spannen sich die Otto-Hirsch-Brücken nach Obertürkheim. Dr. Otto Hirsch, 1885 in Stuttgart geboren, war ein dem deutschem Vaterland aufs engste verbundener Schwabe.

Nach seinem Studium der Rechtswissenschaft trat er 1921 in den Dienst der Stadt Stuttgart und wurde Vorstandsmitglied der Neckar A.G. Obgleich das Innenministerium in Stuttgart alles daran setzte, dass Hirsch die leitende Funktion im Vorstand der Neckar A.G. bekam, scheiterte dies am Widerstand der NS-Politik. Nicht seine außerordentliche Begabung war hier gefragt, sondern der ihm fehlende christliche Taufschein. Er war Jude. Dennoch, wenn 1935 der 114 km lange Bauabschnitt von Mannheim nach Heilbronn fertig gestellt werden konnte, so war es sein Verdienst. Otto Hirsch starb am 19. Juni 1941 als Häftling Nummer 559 im KZ-Mauthausen. Er war es, der als geistiger Vater der Neckarkanalisierung, den Handschuhsheimer Löwen von der Kette nahm.

 

Lothar Bladt / Rainer Meier
Zitat: Hans Georg Hirsch Maryland USA

 

Photograph unbekannt „Kapitän“ Karl-Eugen Helm (89), selig, auf der Personenfähre „Udo“.<br>© Photo: Lothar Bladt Berlin

P:S: Sollte ich zu viele Worte über den „Händsema Leeb“ verschwendet haben. Hier eine viel bessere Kurzfassung:

 

Das Dampfschiff zieht an dieser Kette und schleppt sich so den

Fluss hinauf und hinunter. Es hat, genau genommen, weder Bug

noch Heck, denn es hat auf jedem Ende ein Steuerruder und es

wendet nie. Es nutzt beide Steuerruder und sie sind kräftig genug,

 ihm - trotz des starken Widerstandes der Kette

 Richtungsänderungen nach beiden Seiten zu ermöglichen und ihn

 Kurven steuern zu lassen.

 Ich hätte nie geglaubt, dass dieses unmögliche Ding vollbracht

 werden könnte, aber ich habe gesehen, dass es wenigsten ein

 Ding der Unmöglichkeit gibt das noch möglich ist.

 Welch Wundertaten wird der Mensch ab nächstens zu vollbringen

 suchen?"

 

 Mark Twain,
Flussfahrt auf dem Neckar (1878)

Anmerkung: "Mark Twain!" Mississippi Lotsensprache: "12 Fuß sicheres Wasser!"

 

Und für den/die unersättlichen Leser:

Anzahl der Neckarkettenschlepper: 7

Gebaut auf der Bauhardt Werft in Neckarsulm

Dampfmaschinenkraft: 100 PS pro Schlepper

Länge: 46 Meter

Breite: 6,5 Meter

Tiefgang: 64 cm

Schornsteine: 2

Ruder: 1 vorne, 1 hinten

Fahrgeschwindigkeit 4,7 km/Std Bergwärts
12,7 km/Std Talwärts

Einzige Kettenbefestigung, (Ankerung) : Heilbronn Wilhelmskanal

Besatzung Kettenschlepper: Besatzung Frachtschiff:
1 Kapitän
2 Steuermänner
1 Maschinist
2 Heizer
2 Bootsleute
1 Schiffsführer
1-2 Schiffsknechte
1 Hauderer (Lotse) bei Talfahrt

© 1998-2016 Lothar Bladt Berlin (1944 geboren in Eberbach a.N.)